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Was macht einen guten Mechaniker aus?

Auf die titelgebende Frage wird es je nach Betrachtungsweise unterschiedliche Antworten geben. Um es überspitzt, aber trotzdem auf der Realität fussend zu beschreiben, fallen mir unter anderem die Ansichten dieser beiden Parteien ein.


Warnung:

Den Beitrag bis zum Ende zu lesen und die Ironie darin zu finden ist förderlich für die Meinungsbildung.



Auf der einen Seite steht der Kunde, dieser wünscht sich heutzutage eine qualitativ makellose, blitzschnell ausgeführte Reparatur seines Fahrzeugs. Gerne möchte er dem "fachkundigen" Mechaniker dabei unter die Arme greifen, damit die Qualität wirklich sichergestellt werden kann und die sowieso überteuerte Rechnung etwas günstiger ausfällt. Und wenn der Kaffee in der Showroom Lounge nicht schmeckt, war es das erst recht mit der 5-Sterne-Google-Rezension.


Ihnen gilt es, auch wenn sie der Mechaniker nicht selber zu Gesicht bekommt, sämtliche Wünsche von den Augen abzulesen, sich mit fast wahrsagerischen Fähigkeiten in ihre Lage zu versetzen, um auch das kleinste "vorhandene" Geräusch zu hören. Nachdem auch die "stärksten" Vibrationen durch den Allwissenden Mechanik Halbgott gefunden wurden, wird er diese anschliessend wie von Zauberhand mit "EINEM" Werkzeug verschwinden lassen.


Für die geleistete Arbeit und das gute Gefühl, auch in Zukunft sicher von A nach B zu kommen, ist der Kunde dem Mechaniker sicherlich ewig dankbar und würde sich nie lautstark über einen umgestellten Radiosender oder die Veränderung der Sitzposition beschweren.



In der anderen Ecke stehen die Vorgesetzten bzw. Garagisten. Diese dürfen natürlich von einem Mechaniker erwarten, dass die von den Fahrzeugherstellern absolut realistischen Richtzeiten auf die Minute genau eingehalten werden, die Innenreinigung für den nicht existierenden "Premium" Kunden (Alle Kunden werden gleich behandelt) perfekt ausgeführt ist und auf keinen Fall die Möglichkeit besteht das ein Tropfen Scheibenwischwasser zu wenig verrechnet wird den: Umsatz ist immer noch Grundsatz.


Der ideale Mechaniker hat keine hohen Ansprüche an das gebotene Gehalt, beschwert sich niemals über geleistete Überstunden und möchte diese aus Freude an der Arbeit auch nicht kompensieren. Die Äusserung des Wunsches nach 5 Wochen Urlaub oder ähnlichen Wahnvorstellungen sind als Blasphemie am Privileg für die Automobilbranche und insbesondere "für dieses Unternehmen" arbeiten zu dürfen anzusehen.


Mit klaren Ansagen wie: "Wir prüfen das", "Ich kann das momentan nicht entscheiden" oder dem Klassiker "Wir müssen den Gürtel enger schnallen und können uns das aktuell nicht leisten" wird der Mechaniker so wieder motiviert und auf Kurs gebracht, währenddessen er den neuen Porsche des Geschäftsinhabers in Perfektion auf Hochglanz poliert. Anschliessend kümmert sich der zusätzlich ausbildungsverantwortliche Mechaniker in seiner Freizeit um die Lernenden, weil es während der regulären Arbeitszeit keine Zeit für: Zitat eines mir leider bekannten Garagisten... "Nicht wertschöpfende Aktivitäten" gibt.



In Anbetracht dieser Aussichten in diesem anspruchsvollen und körperlich anstrengenden Beruf, ist es absolut "unverständlich", wie wir angeblich nur noch von unqualifizierten arbeitsscheuen Lehrabgänger:innen umgeben sein können. Die Ansicht unsere Jugend will sich nicht mehr die  Hände schmutzig machen und lieber auf der faulen Haut herumliegen, während sie vom grossen Geld als Influencer träumt ist weit verbreitet.



Das oben geschriebene mag und soll zuweilen überzogen dargestellt sein, ist aber alles andere als realitätsfern. Es soll als kleiner Reminder dafür dienen, das eigene Bewusstsein zu schärfen und sich zu überlegen, ob es sinnvoll sein könnte, weit mehr Ressourcen in die korrekt umgesetzte Ausbildung in den Lehrbetrieben, die gezielte Förderung talentierter Lernender sowie ausgelernter Mitarbeiter und in die "Haltung" dieser Personen in der Branche zu investieren.


Alternativ würde sich auch die Lösung "Never change a running system" anbieten. Auch wenn das System aus dem letzten Loch der bereits seit Jahren mit Dichtmasse geflickten Ölpumpendichtung pfeift. Mir ist bewusst, dass leere Worte weit weniger Geld kosten, als tatsächlich etwas zu reparieren. Gute Mechaniker findet man ja bekanntlich wie Sand am Meer und es gibt keine Probleme.


Nun aber genug der Schwarzmalerei und des "unbegründeten" Herummeckerns an den Beteiligten. Glücklicherweise ist man an den entscheidenden Stellen bestrebt, für die Zukunft wirklich einiges zu ändern und besser zu machen. Diese Zusammenarbeit der Lehrbetriebe, Bildungsinstitutionen, des Branchenverbandes, der Politik und weiterer Parteien sind sowohl lobenswert als auch ein guter Weg, um zukünftigen Herausforderungen in der Nachwuchsförderung der Branche zu begegnen. Und hier sehe ich viele Chancen, für nachhaltige Anpassungen und Verbesserungen, die vor allem den Lernenden und zukünftigen Arbeitnehmern zugutekommen.


Meiner Meinung nach ist das Kritisieren anderer zwar legitim, für den Fortschritt notwendig und angebracht. Es ist aber auch der einfachste Weg, selber nichts tun oder ändern zu müssen, weil schuld sind sowieso "alle anderen". Während ich also vor zwei Jahren mehr als nur frustriert über die Zustände während meiner Zweitausbildung zum Automobilfachmann sinnierte, mich über einen Haufen falsch laufender Dinge, über mich selbst und "alle anderen" aufregte, blitzte mir plötzlich eine Idee auf, um in meiner kleinen Welt selber etwas bewirken zu können.



"Die Integration von Fahrsimulator-Schulungen in der beruflichen Grundbildung zur Ergänzung der bestehenden Lehrmethoden und Formen", wer nicht weiss worum es dabei geht darf sich gerne hier umsehen. Long story short: Nach beinahe zwei Jahren Überzeugungsarbeit, Planung, brotloser Vorarbeit und des Findens der richtigen Partner für den Bau eines Fahrsimulators, der den Bedürfnissen der Berufsbildung entsprach, war es diesen März so weit.


Der erste zwanzig Lektionen umfassende und mit 15 Teilnehmer:innen ausgebuchte Freifachkurs mit dem Titel "Fahrwerkseinstellungen verstehen" wurde unter der Leitung von Jonas Baumgartner, Andreas Schranz und mir am Bildungszentrum Emme Burgdorf durchgeführt.


Die Mechatroniker:innen im vierten Lehrjahr, die bereits voll in den Vorbereitungen ihres bald anstehenden QVs stecken, zeigten grosses Interesse und waren trotz der anstrengenden Zeit motiviert, zwei Abende und zwei komplette Tage ihrer kostbaren Freizeit zu opfern, um an diesem Kurs teilzunehmen.



Ziel dieses und nachfolgender Kurse ist es, den Lernenden eine neue ergänzende Möglichkeit zu bieten fahrdynamische Grundlagen und deren Auswirkungen theoretisch zu verstehen, an praktischen Beispielen zu üben und durch den Einsatz eines für diesen Zweck gebauten Fahrsimulators selber zu "erfahren". Die Kombination dieser Methoden schafft zum einen bleibende Eindrücke und dient auch der Sensibilisierung für sicherheits- und umweltrelevante Themen, die im Berufsalltag gefordert sind und immer wichtiger werden.


Ein weiteres Ziel ist es die Begeisterung für das Automobil und die Berufe, die mit diesem verbunden sind, zu fördern. Dabei sollen die Lernenden unter anderem sehen, dass auch neuere Fahrzeuge mit alternativen Antriebskonzepten wie der im Kurs verwendete E-Golf mehr sein können als nur Objekte für das stumpfsinnige "Teile tauschen" und der zweimal jährlich stattfindenden "Reifenparty".


Und letztlich war es mir ein persönliches Anliegen, den Teilnehmern ein spannendes Umfeld bieten zu können in dem komplexe Zusammenhänge adressatengerecht thematisiert werden und der nötige Raum für Fragen und Fehler vorhanden ist.



Die Finanzierung, Konzeption und Durchführung des Kurses wäre ohne die Hilfe meines ehemaligen Fachkundelehrers Jonas Baumgartner (J.B) sowie weiteren Unterstützern wie Thierry Manz, dem Verein Bildungsraum Emme und Fachgruppenleiter Rolf Christen nicht möglich gewesen. Zusätzlich unterstütze uns Andreas Schranz (A.S) von der GIBB-Bern als Dozent, mithilfe seiner wertvollen Unterlagen und einem riesigen Wissen zu Fahrwerks relevanten Themen in unserem Vorhaben. Alle haben zudem die Gemeinsamkeit das sie mit meinem kleinen Beitrag hier nichts am Hut haben, jeder eine eigene Meinung zur Berufsbildung hat und selbstständig vertritt.


J.B und A.S sind als Gewerbeschullehrer in der beruflichen Grund- und Weiterbildung tätig. J.B ist ehemaliger Automobildiagnostiker und Werkstattleiter. A.S ist ausserdem diplomierter Ingenieur, Experte für Fahrwerkstechnik und die Abstimmung von Rennwagen für diverse Einsatzzwecke.


Dieses gebündelte Fachwissen wurde in den vier Kurstagen eingesetzt, um sowohl theoretisches als auch praktisches Wissen an die Teilnehmer:innen weiterzugeben. Der Kurs beinhaltete acht Lektionen Theorie mit folgenden Schwerpunkten:


  • Grundlagen der Fahrdynamik

  • Raumachsen, Bewegungen und Kräfte

  • Lenkgeometrie, deren Winkel und Begriffe

  • Elastokinematik der Radaufhängung

  • Die Erweiterung von Grundkompetenzen der im Lehrplan vorhandenen Leistungsziele    


Im praktischen Teil des Kurses wurden den Teilnehmer:innen während zwölf Lektionen an sechs Posten verschiedene Aufgaben gestellt, die folgende Themen mit sich brachten:


  • Die Lenkgeometrische Vermessung eines Fahrzeugs mit einfachen Hilfsmitteln

  • Das Deuten und richtige Interpretieren von Reifenverschleiss anhand verschiedener Beispiele.

  • Veränderungen in der Lenkgeometrie durch verschiedene Fahrsituationen im Simulator selber fühlen und deren Konsequenzen beurteilen.

  • Die Beachtung gesetzlicher Vorgaben bei der Verwendung verschiedener Rad-/Reifen-Kombinationen

  • Die Vorspurkurve und deren Auswirkungen durch Verwendung eines Lasers aufzeigen.

  • Den Kammschen Kreis und Möglichkeiten zur Veränderung in der Theorie und durch das Fahren im Simulator verstehen.

Die Lernenden arbeiteten vorbildlich und mit grossem Einsatz an den komplexen Aufgaben. Sie machten im Verlauf des Kurses interessante Bemerkungen, die wiederum zu einem spannenden Austausch führten und so auf Umwegen zur Beantwortung der einen oder anderen offenen Frage führte.



Bei aller Arbeit sollte auch der Spass nicht verloren gehen und so wurde die Mittagspause von den Lernenden dazu genutzt, in einem virtuellen Porsche 911 GT3 Rennwagen auf die Jagd nach der besten Rundenzeit zu gehen; für den schnellsten gab es natürlich auch etwas Kleines zu gewinnen.


Die zwischen den "Hot-Laps" eingeschobenen Pizzen, die Benzingesprächen und die ewig im Raum stehenden Frage, ob französische oder italienische Fahrzeughersteller die grössere Qualitätsallergie haben, soll auch nicht unerwähnt bleiben.



Mit der erfolgreichen ersten Durchführung und dem positiven Feedback, das von den Lernenden kam, hoffe ich, dass Kurse dieser Art und die Integration der Simulationstechnik für Bildungszwecke in absehbarer Zeit "Schule machen" werden und durch Investitionen seitens der Bildungsverantwortlichen Stellen einer grösseren Anzahl von Lernenden ermöglicht wird.



Ich möchte mich an dieser Stelle bei den Teilnehmer:innen, meinen Mitdozenten, dem Bildungszentrum Emme und allen weiteren Unterstützern herzlich für das Interesse und entgegengebrachte Vertrauen bedanken. Ich freue mich bereits auf die nächste "Runde" und die baldige Zusammenarbeit mit weiteren Bildungsinstitutionen in der Schweiz und dem nahen Ausland.



Und somit komme ich zu meiner abschliessenden Ansicht, dass ein guter Mechaniker nicht nur zu wissen hat, wie ein Fahrzeug theoretisch aufgebaut ist und wie Einzelteile dessen wirtschaftlich effizient ausgetauscht werden. Sondern er verfügt über Leidenschaft und Verständnis für das Automobil als Gesamtwerk, das Wissen und Interesse an Zusammenhängen mehrerer gleichzeitig agierender Komponenten und den Auswirkungen auf Verkehrsteilnehmer und die Umwelt.


Vor allem aber ist er sich der Verantwortung, die er in seinem Beruf zu tragen hat, bewusst und er sollte wissen, dass sein Können nicht nur für den Kunden und das Unternehmen gewinnbringend ist, denn sein Wert in der Branche ist höher als je zuvor.


P.S. Falls sich jemand auf den Schlips getreten fühlt freue ich mich bereits auf den sachlichen und konstruktiven Austausch.





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